Aktuelles
Liebe Leserinnen und Leser in Weisweiler, Inden, Langerwehe und Dürwiß,
heute ist Redaktionsschluss für den Gemeindebrief, den sie gerade in Händen halten. Es ist Ende Oktober. Und gestern habe ich tatsächlich das erste Weihnachtsgeschenk bestellt. Und ich freue mich schon jetzt darauf, wenn die beschenkte Person das Geschenk auspacken wird – und sich hoffentlich tüchtig freut. Aber eigentlich ist mir grad noch nicht so ganz nach Weihnachten. Mein Haus hat Halloween-Dekoration und die Bilder von unserer Jugendreise in die USA stehen mir noch vor Augen: Häuser und Geschäfte, Parks und Straßen sind entsprechend dekoriert. Bewegt haben mich bei dieser Reise aber andere Dinge. Zwei Dinge möchte da besonders hervorheben. Das eine ist die Gruppe von jungen Menschen aus unseren beiden Gemeinden, mit der wir gemeinsam unterwegs waren. Schon seit mehreren Jahren wurde ich immer wieder gefragt, wann wir denn mal wieder mit Jugendlichen in unsere Partnergemeinde in Maryland reisen. Nach dem letzten Besuch der Amerikaner bei uns im Herbst 2023 wurden diese Fragen immer lauter. Nur: mit wem fahren wir dort hin? Wie wählen wir die Jugendlichen aus? Bald wurde klar: wenn wir nach Frederick reisen, dann mit denjenigen, die als ehrenamtliche Mitarbeitende unsere Gemeinden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen unterstützen. Und da wir seit über einem Jahr dies mit einem gemeinsamen Team aus beiden Gemeinden machen, war auch klar: sie eine Reise muss eine gemeinsame Reise werden. Und so haben wir eine Gruppe von 20 jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammengestellt, die etwa 50/50 aus unseren beiden Gemeinden Weisweiler-Dürwiß und Inden-Langerwehe kommen. Damit haben wir fast klammheimlich aber doch sehr bewusst, die Partnerschaft mit der ERUCC (Evangelical Reformed United Church of Christ) auf beide Gemeinden ausgeweitet. Und wir haben eine erste große gemeinsame Jugendaktion beider Gemeinden durchgeführt. Auch unsere Jugendmitarbeiterin Maria Pickart hat uns begleitet und ich darf dankbar sagen, dass die teilnehmenden jungen Menschen miteinander und mit ihr zu einer starken Gemeinschaft zusammengewachsen sind. Was für ein Segen – und ich bin mir sicher, dass diese starke Gemeinschaft in den kommenden Jahren auch starke Impulse in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in unseren Gemeinden setzen wird. Es war eine Gemeindeaufbaureise!
Und es war eine Reise in eine USA, die ich so noch nicht kannte. Mit beeindruckenden, fast erschreckenden Worten beschreibt es Cesar Diaz bei der „No Kings Rallye“ in Frederick, die ich besucht habe. Unseren Jugendlichen hatten wir übrigens angeraten, diese Demonstration nicht zu besuchen. Denn man weiß derzeit einfach nicht, was alles passieren könnte. Das allein spricht Bände über ein Land, das wir eigentlich als Land der Freiheit, der Demokratie, und der unbegrenzten Möglichkeiten kennen. Es wurde ein buntes Fest der Freiheit an diesem spätsommerlichen Nachmittag im Baker Park in Frederick und ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte. Trotz dessen, was Cesar Diaz erzählt. Er ist in Puerto Rico geboren und lebt seit 1991 in Frederick. Er ist Mitglied des Stadtrats und der Unitarischen Gemeinde Fredericks. Er beginnt seine Rede so (wer sie ganz sehen möchte findet sie hier: https://www.facebook.com/reel/2006373610212466): „Im Juli 1942 lebte ein junges Mädchen in Amsterdam, es musste sich hinter Bücherregalen verstecken aus Angst vor dem, was passieren würde, wenn die Regierung sie findet. Denn die Regierung suchte nach Menschen wie ihr. Zwei Jahre lang sie sich dort versteckt und in ihrem Tagebuch ihre Gedanken, ihre Gefühle aufgeschrieben. All das, was sie in dieser Zeit mit ihrer Familie erlebt hat. Dieses Tagebuch von Anne Frank wird seit Generationen verwendet, um Menschen beizubringen ‚Nie wieder!‘ ‚Nie wieder!‘ Heute, in Frederick versteckt sich irgendwo ein kleines Mädchen, ein Junge, ein Vater oder eine Mutter aus Angst was passieren würde, wenn die Regierung sie findet. Sie leben in Angst, weil es wieder eine Regierung gibt, die Menschen verfolgt basierend auf ihrer Herkunft und ihres Aussehens. Eltern haben Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, Mütter raten ihren Kindern in der Öffentlichkeit nur Englisch zu sprechen, Kinder gehen zur Schule und fragen sich, ob ihre Eltern noch zuhause sind, wenn sie von der Schule zurückkehren.“ Seine Rede hat sich in mein Gehirn gebrannt. Sie ist Ausdruck eines neuen Amerika, das ich mit den jungen Menschen aus unseren Gemeinden kennengelernt habe. Wo der Rechtsstaat dermaßen ausgehölt ist, dass Menschen sich aus Angst verstecken und nicht mehr zur Schule, zum Arzt, zur Arbeit gehen – selbst wenn sie alle notwendigen Papiere haben. Denn sie sehen anders aus, sie sind braun, nicht weiß, heißen Carlos und nicht Andrew. Maria Herrera, Exectutive Director der Spanisch sprechenden Gemeinschaft in Maryland erzählt uns: noch fühle ich mich relativ sicher, aber ich habe immer eine Kopie meines amerikanischen Passes digital auf dem Handy dabei. Wer weiß, was passiert wenn jemand meinen Namen ruft und ein ICE Agent in der Nähe ist und ihn hört. Die Angst geht um.
Was tut unsere Partnerkirche in den USA? Sie stellt sich an die Seite derer, die Angst haben. Sie setzt sich für ihre Belange ein und fordert lautstark, den Rechtsstaat wiederherzustellen.
Mit jungen Pfarrerinnen und Pfarrern aus den USA und Deutschland habe ich im Laufe des letzten 12 Monate an einem Text gearbeitet, der unser kirchliches Handeln leiten könnte. Denn auch bei uns ist klar: wir müssen uns deutlich positionieren. Gegen rassistische Polemik und manches mehr. Zur Aufforderung an die AfD Eschweiler, das Foto unserer Kirche in Weisweiler nicht mehr auf ihrer Homepage zu verwenden antwortet die AfD: „Die 𝐄𝐯𝐚𝐧𝐠𝐞𝐥𝐢𝐬𝐜𝐡𝐞 𝐊𝐢𝐫𝐜𝐡𝐞𝐧𝐠𝐞𝐦𝐞𝐢𝐧𝐝𝐞 𝐖𝐞𝐢𝐬𝐰𝐞𝐢𝐥𝐞𝐫-𝐃ü𝐫𝐰𝐢ß ist offenbar auf die Idee gekommen, sich im Licht der aufstrebenden AfD zu sonnen? Statt höflich anzufragen, ob der AfD-Stadtverband Eschweiler bei der Bekehrung der Gläubigen behilflich sein wolle, verbreitete man unter dem Vorwand, mit einem vor Jahren im öffentlichen Raum aufgenommenen Foto, das das „Kirchengrundstück“ zeige, nicht einverstanden zu sein.“ Ich teile dies hier, damit Euch und Ihnen allen klar ist, mit wem wir es da zu tun haben. Wenn 20% der Menschen im Kreis Düren diese Partei wählen, dann tun wir gut daran, sehr deutlich Position zu beziehen, was christliche Werte sind, und WOFÜR wir als Kirchengemeinden in Weisweiler und Inden, Langerwehe und Dürwiß stehen. Mit „Pfarrerworten“ haben wir das in unserem deutsch-amerikanischen Team so formuliert:
Wir bekräftigen, dass die Kirche Salz und Licht der Welt ist.
Wir verkünden, dass das Evangelium alle Menschen und die gesamte Schöpfung umfasst.
Wir bekräftigen unsere Berufung, mit unseren Ressourcen gut umzugehen, zum Wohle der ganzen Welt und zum Wohle künftiger Generationen.
Als Antwort auf Angst verkünden wir Hoffnung.
Als Antwort auf Manipulationsversuche verkünden wir die Befreiung.
Als Antwort auf eine Botschaft der Angst verkünden wir eine Botschaft der überquellenden Fülle.
Als Antwort auf Hass verkünden wir Mitgefühl.
Wir verpflichten uns, kritisches Denken in unseren Gemeinden zu fördern.
Wir verpflichten uns, wann immer nötig gegen den Strom zu schwimmen.
Wir verpflichten uns, den Mut zu finden, aus Liebe statt aus Angst zu handeln.
Wir verpflichten uns anzuerkennen, dass Gott alle Menschen liebt.
Wir verpflichten uns, der Entmenschlichung Widerstand zu leisten und dagegen zu protestieren.
Wir verpflichten uns zum interreligiösen Dialog.
Wir verpflichten uns zur Arbeit gegen Rassismus.
Wir verpflichten uns, Mauern zwischen Menschen niederzureißen.
Wir verpflichten uns, uns an die Quellen unseres Glaubens zu erinnern.
Wir verpflichten uns, gute Verwalterinnen und Verwalter der Heiligen Schrift zu sein.
In den nun vor uns liegenden Tagen voll weihnachtlichen Mitgefühls lieg die Chance, deutlich an die Quellen unseres Glaubens zu erinnern. Als Gott Mensch wurde, da geschah das angsterfüllt in einem Stall. Da waren diejenigen anwesend, die am Rand der Gesellschaft standen. Da roch es noch Kuhfladen und Schafspisse (nicht nach Zimt und Glühwein). Das Baby war blutverschmiert, wie Babies sind und nicht mit Heiligenschein. Da kam Gott in unsere zerrissene Welt und ganz bei uns zu sein, um eine, einer von uns zu werden. Und vielleicht denken Sie jetzt: aber das wissen wir doch alle.
Ja, wir wissen es – und dennoch mag ich diese Botschaft auch dieses Jahr wiederholen: als Kirche verkünden wir Mitgefühl als Antwort auf alle Spaltungsversuche. Wir verkünden Hoffnung, Befreiung und überquellende Fülle in unseren Herzen. Weil Gott in unsere zerrissene Welt gekommen ist und uns nicht uns selbst überlassen hat. Und wir? Wir machen auch im neuen Jahr Gottes radikale Gastfreundschaft für alle Menschen erlebbar so gut wir es können. Wir gestalten Orte der Begegnung miteinander und mit Gott. Und möge das Licht Gottes Weihnachten 2025 Ihre Herzen mit Glanz und Freude erwärmen. Und möge das neue Jahr 2026 für Sie und Ihre Lieben von Gottes Segen reichlich erfüllt sein.
Es grüßt Sie herzlich, Ihr
Pfarrer Daniel Müller Thór